Heimatbuch Siddinghausen – Geschichte eines westfälischen Dorfes

Heimatbuch Siddinghausen – Geschichte eines westfälischen Dorfes

Das Heimatbuch Siddinghausen kann beim Heimat- und Verkehrsverein e.V. erworben werden. Bei Interesse schreiben Sie uns unter Kontakt eine Nachricht.

Einleitungstext des Buches

Siddinghausen – ein im südöstlichen Teil der Region Westfalen, vier Kilometer süd-westlich der ehemaligen Kreisstadt Büren am Oberlauf der Alme gelegenes Haufendorf – zählt gegenwärtig etwa 1.050 Einwohner und umfasst eine Gemarkung von ca. 10,36 qkm. Die besondere Steilhanglage des Ortes am linksseitigen Talrand des Flüßchens in einer Höhe von 303 m ü. N. N. bedingt, dass Straßen, Gebäude und Gärten durch zahlreiche Mauerbauten abgestützt werden mussten und müssen; gerade sie verleihen dem Dorf sein charakteristisches Gepräge. Den markantesten Punkt bezeichnet sicherlich die Kirche, die zusammen mit dem Pastorat ein den Ortskern heute noch beherrschendes Ensemble bildet.

Dem Naturraum, der trotz mannigfacher menschlicher Eingriffe bis in unsere Tage das Erscheinungsbild des Ortes wie auch seine zukünftige Entwicklungsfähigkeit wesentlich mitbestimmt, sind die ersten drei Beiträge des vorliegenden Sammelbandes gewidmet: Maria Willeke beschreibt die naturgeographischen Verhältnisse, Iris Simon geht ausführlich auf die Flora der Dorfgemarkung ein und Heiner Härtel erläutert am Beipiel der Vogelwelt einen wichtigen Aspekt der örtlichen Fauna.

Die historischen Anfänge Siddinghausens liegen weitgehend im Dunkel. Selbst das älteste Gebäude im Dorf, die Kirche, läßt sich nur annäherungsweise datieren. Sie soll jedoch, so will es eine im 17. Jahrhundert aufgezeichnete Legende wissen, im Jahr 799 von Papst Leo III. im Beisein des Frankenkönigs Karl geweiht worden sein. Damit blickte die Siedlung auf eine mehr als 1200-jährige Geschichte zurück. Wie wir den Wahrheitsgehalt einer solchermaßen tradierten Überlieferung einschätzen dürfen, diskutieren aus je unterschiedlichem Blickwinkel Oliver Ungerath und Dieter Schnell in ihren Beiträgen. Ungerath referiert die Ergebnisse einer im Zuge von Renovierungsmaßnahmen 1992 erfolgten archäologischen Notgrabung in der Kirche, Schnell überprüft Glaubwürdigkeit und mutmaßliche Entstehung der Legende anhand der spärlich vorhandenen Schriftzeugnisse aus dem Mittelalter.

Vom Mittelalter bis zur Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert gehörte die bäuerliche Gemeinde Siddinghausen, die zugleich den Mittelpunkt des gleichnamigen Pfarrsprengels bildete, zur Herrschaft Büren, die selbst wiederum dem Fürstbistum Paderborn inkorporiert war. Negativen Höhepunkt dieser Epoche markierte der von 1618 bis 1648 in Europa wütende Dreißigjährige Krieg. Roswitha Hillebrandt schildert die Folgen eines während dieses Krieges in Siddinghausen verübten Mordes, der die Schrecken jener Tage verbildlicht. Einblick in den dörflichen Alltag des 17. und 18. Jahrhunderts gewährt Alexander Kessler in seinem Beitrag; Volker Lünnemann analysiert die Familien- und Haushaltsstrukturen, wie sie am Ende dieses Zeitabschnitts im Dorf herrschten.

Der Ausbruch der französischen Revolution 1789 leitete eine neue Ära ein. Innerhalb weniger Jahre wandelten sich die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in zahlreichen Territorien fundamental, so auch im bis dahin unabhängigen Fürstbistum Paderborn. Mit der Aufhebung der geistlichen Fürstentümer 1802/03 folgte zunächst eine Zeit wechselnder politischer Konstellationen. Paderborn und mit ihm das Gebiet der vormaligen Herrschaft Büren fielen an Preußen, wurden jedoch schon 1806/07 dem vom napoleonischen Frankreich neugeschaffenen Königreich Westfalen einverleibt und 1813 erneut von Preußen besetzt. Die langjährigen politischen Wirren fanden erst 1815 ihr Ende, als Preußen seine westfälischen Gebiete endgültig zugesprochen erhielt. Mit der Inbesitznahme einher ging eine gründliche Reorganisation der Verwaltungsstrukturen. Sitz der neu gebildeten Regierung wurde 1816 Minden, die Kreisverwaltung erhielt Büren zugesprochen. Siddinghausen blieb indes eine eigenständige, in das Amt Büren eingegliederte Landkommune.

Die teilweise schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts allenthalben in die Wege geleiteten politischen Reformwerke förderten und beschleunigten auch in den ländlichen Gebieten nach und nach die Beseitigung der alten Strukturen. Am Ende dieses Prozesses stand eine weitreichende sozioökonomische Neuordnung nicht nur auf regionaler, sondern auch auf lokaler Ebene, in den kleinen Landgemeinden. So lassen sich auch für Siddinghausen auf zahlreichen Schauplätzen und in ganz unterschiedlichen Sphären charakteristische Merkmale ausmachen, die diesen ‘Weg in die Moderne’ symbolisieren.

Stefanie Dick zeigt dies am Beispiel des Schulwesens in Siddinghausen, dessen aktenmäßig belegte Anfänge sich sogar bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen lassen. Siegfried Rudigkeit dokumentiert die verschiedenen Phasen, die die Baugeschichte der Kirche sowohl im Hinblick auf ihre äußere Gestalt als auch ihre Innenausstattung von der Barockzeit bis in die jüngste Vergangenheit kennzeichnen. Geburt, Heirat und Tod: diese zentralen Stationen menschlichen Daseins behandelt Markus Küpker in seinem Beitrag zur Bevölkerungsentwicklung Siddinghausens zwischen 1750 und 1870. Die Hintergründe und Resultate von Bauernbefreiung und Separation, die im 19. Jahrhundert eine völlig neue Methode bäuerlichen Wirtschaftens erforderlich machten und damit eine Neugestaltung der dörflichen Lebensverhältnisse schlechthin nach sich zogen, beleuchtete Hans Liedtke näher. Wiltrud Schlüter und Elsbeth Schulte erläutern in ihrem Artikel die diesem Band als Reproduktion beigegebene ‘Urkatasterkarte’ von 1829 (siehe hintere Umschlagseite). Ausgehend von diesem Stichjahr haben sie darüberhinaus Flurnamen-, Haus- und Familiengeschichte bis in die Gegenwart weiterverfolgt. In seinem zweiten Beitrag behandelte Hans Liedtke ebenfalls einen Aspekt örtlicher Familiengeschichte, und zwar diejenige der seit etwa 1800 am Ort ansässig gewesenen jüdischen Bürger. Während einige Bewohner des Ortes von den neuen Rahmenbedingungen, wie sie vor allem die Separation geschaffen hatte, durchaus profitierten, bedeuteten sie umgekehrt für andere eine Verschlechterung ihrer persönlichen Situation. Dies mag mit ein Grund dafür gewesen sein, dass es auch aus Siddinghausen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts immer mehr Menschen in die „Neue Welt“ zog, in eine vermeintlich bessere Zukunft. Den Ursachen und Hintergründen dieses Phänomens, aber auch dem Werdegang einiger Auswandererfamilien und deren Nachkommen in ihrer neuen Heimat gehen Wiltrud Schlüter und Elsbeth Schulte in ihrem zweiten Beitrag auf den Grund.

Besonders evident werden die tiefgreifenden Umbrüche im Alltagsleben der Menschen, wenn die dörfliche Arbeitswelt des 19. und 20. Jahrhunderts genauer in Augenschein genommen wird. Für die überwiegend in der Landwirtschaft tätigen Eingesessenen war der Arbeitsalltag mit seinem starren, an die Gegebenheiten der Umwelt angepassten Rhythmus jahrhundertelang nach gleichem oder doch ähnlichem Muster verlaufen. Nun veränderte er sich binnen kurzem durch die oben beschriebenen Faktoren, zu denen sich alsbald die aufkommende industrielle Produktion, ein verändertes Konsumverhalten und technischer Fortschritt hinzugesellten. Alle Sektoren waren davon betroffen: Forst- und Landwirtschaft, Handwerk, Handel und Gewerbe. Die Auswirkungen, die verschiedene Entwicklungen auf Dorfebene im 19. und 20. Jahrhundert zeitigten, erörtern Alfons Fuhrmann (Wald und Waldwirtschaft), Konrad Finke (Landwirtschaft) und Inge Becher (Handwerk, Handel, Gewerbe). Speziell auf die sich ebenfalls in hohem Maße ändernden Bedingungen des Frauenalltags im Verlauf des 20. Jahrhunderts geht Elisabeth Happe in ihrem Artikel ein. Zeiten der Arbeit folgten stets auch Mußezeiten. Diese waren – und sind, zumal auf dem Land, immer noch – untrennbar verbunden mit organisierten Gesellungen, den Vereinen. Deren Rolle im dörflichen Alltag untersucht Karin Schürholz in ihrem Beitrag.

Spätestens mit der feierlichen Eröffnung der Eisenbahnlinie von Büren nach Brilon 1901 mit Halt in Siddinghausen, kam die Welt ins Dorf. Über dieses Ereignis und seine Vorgeschichte sowie den weiteren Fortgang, den der Schienenverkehr von und nach Siddinghausen nahm, berichtet Joachim Baier. Positive Impulse brachte die Eisenbahn unter anderem auch für den Postverkehr, bis dato zeitraubend und mühselig mittels Pferdepost aufrechterhalten. Wie diese und andere Neuerungen das örtliche Postwesen im 20. Jahrhundert beeinflussten und veränderten, stellt Anita Mertens in ihrem Artikel dar.

Dem bislang dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte, der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft von 1933 bis 1945 und deren unmittelbaren Folgen, sind insgesamt fünf Beiträge gewidmet: Steffen Roland Kathe analysiert die Jahre von der Machtübernahme bis zum Zusammenbruch in Siddinghausen auf der Grundlage des zum Dorf überlieferten archivalischen Schrifttums. Die AG ‘NS-Zeit im Interview’ – eine Schülergruppe der Jahrgangsstufe 13 des Mauritiusgymnasiums Büren – führte mit örtlichen Zeitzeugen ein Reihe von Interviews durch, deren Ergebnisse sie hier präsentieren. Karl Finke schildert die Erlebnisse von Paul-Gerhard Kusserow, der aus einer von den Nationalsozialisten verfolgten Bibelforscherfamilie stammte und als „Pflegekind“ zeitweise in Siddinghausen untergebracht war. Auf die Voraussetzungen und Zusammenhänge der ersten planmäßig erfolgten Siedlungserweiterung in Siddinghausen, die 1939 für Beschäftigte der im Ringelsteiner Wald gelegenen Munitionslagerstätte („Muna“) projektionierten und in den folgenden Jahren errichteten Wohnhäuser, geht der Artikel von Gerhard Helle ein. Peter Respondek setzt sich in seinem Beitrag mit der Problematik der Flüchtlinge und Vertriebenen auseinander, die nach Kriegsende 1945 auch Siddinghausen in großer Zahl zugewiesen wurden.

Nach 1975 ergaben sich für den Ort in mehrfacher Hinsicht neue Perspektiven. Zunächst einmal verlor die Gemeinde nach mehr als anderthalb Jahrhunderten ihre politische Selbständigkeit: das Dorf wurde in diesem Jahr Teil der neu gebildeten städtischen Großgemeinde Büren im Landkreis Paderborn. Auf welche Art und Weise die Eingemeindung im einzelnen vor sich ging und auch die längere Vorgeschichte dieses Verwaltungsaktes führt Anton Müller aus. Die zweite große Zuwandererwelle nach 1945 erlebte der Ort in den 1990er Jahren, als sich über einhundert Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion in Siddinghausen niederließen. Die Hintergründe dieser Migration, die Situation im Ursprungsland und die Probleme, mit denen die Neubürger hier konfrontiert waren und sind, erhellt Nina Lehmann in ihrem Artikel. Im letzten Textbeitrag eröffnet uns auch Georg Austen eine neue Perspektive, indem er dazu einlädt, ihn auf seinem spirituellen Rundgang durch die Kirche zu begleiten.

Die im Anhang zusammengestellte Auswahl historischer Bildaufnahmen illustriert noch einmal in visueller Form, wie stark sich das Antlitz des Dorfes und seiner Bewohnerinnen und Bewohner im vergangenen 20. Jahrhundert gewandelt hat. Dazu gehört auch die Dokumentation der Lücken, die die beiden Weltkriege selbst in einem kleinen Dorf wie Siddinghausen gerissen haben.